Sommerfrische – kurzer Exkurs
Der Begriff „Sommerfrische“ fand erst im letzten Drittel des 19. Jh. in Deutschland eine größere Verbreitung und bezeichnet sommerliche Aufenthalte von Stadtbewohnern auf dem Land. Ursprünglich war sie ein Privileg, dass dem Adel vorbehalten war. Sein Übersiedeln vom Stadtquartier auf seinen Landsitz hatte zunächst rein wirtschaftliche Gründe, denn er hatte seinen landwirtschaftlichen Betrieb zu betreuen, der die ökonomische Basis seiner Herrschaft bildete.
Dass die Sommerfrische sich zunehmend zu einem Ort der Gesundheit und Erholung etablierte, war ein Phänomen der fortschreitenden Industrialisierung und ein Resultat der Verstädterung. Der Wunsch, der lauten, stickigen und dreckigen Stadt zu entfliehen, wuchs mit ihrer immer dichteren Bebauung. Diese „Landflucht“ wurde fester Bestandteil in den Kreisen der Aristokratie und des wohlhabenden Bürgertums.
Verbracht wurden die Sommermonate in eigens dafür errichteten Saisonvillen oder in Gasthäusern und Privatquartieren. Der mehrmonatige regenerative Aufenthalt wurde meist von Spaziergängen, Wandertouren und Badeausflügen begleitet. So sind die Sommerfrische-Bewegung und der beginnende Tourismus eng miteinander verbunden. Besonders der Ausbau der Eisenbahnnetze und die flächendeckende Erschließung naturnaher Erholungsorte förderte die Entwicklung dieser Kur- und Fremdenverkehrsorte.
Die Sommerfrische, die zunächst als anti-urbanes Sehnsuchtsmotiv galt, veränderte sich bald zu einem Erlebnisraum mit gesteigertem Komfort und verschiedensten Unterhaltungsmöglichkeiten (Badeanstalten, Wanderwege, Parks, Restaurants, Tennisplätze, Theaterbauten etc.). Als ursprüngliches soziales Distinktionsmerkmal mit Statusrepräsentation gewann die Sommerfrischen-Bewegung zunehmend an gesellschaftlicher Breite und entwickelte sich von einem exklusiven bürgerlichen Ritual des 19. Jahrhunderts zu einem modernen gesellschaftsübergreifenden Erholungsmodell.
Auch heute erlebt sie als Gegenentwurf zum Massentourismus eine nostalgische Renaissance, indem sie naturnahe Auszeiten und Regionalität mit aktuellen Ansprüchen wie Entschleunigung und Nachhaltigkeit zu verbinden versucht. Selbst die Päpste entfliehen dem heißen Sommer in Rom und ziehen in die Sommerfrische nach Castel Gandolfo.
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„Gruss vom Himmelreich“, Postkarte (Lithografie), 1900 (SMN). Mit diesen oder ähnlichen Postkarten wurde für das Solbad Kösen als Erholungsort geworben. -
„Gruss vom Alten Felsenkeller“, Postkarte (Lithografie), 1903 (SMN). Auch Naumburg warb mit verschiedenen Unterhaltungsmöglichkeiten wie Gastronomie-besuche und Bootsausflüge für eine erholende Auszeit. -
Werbeanzeige „Solbad Kösen“, aquarellierte Zeichnung, um 1910 (SMN). Nach der Etablierung Bad Kösens als anerkanntes Heilbad im ausgehenden 19. Jahrhundert warb die kleine Kurstadt mit allen Annehmlichkeiten seines therapeutischen und regenerativen Angebots.